Infrastrukturfonds.
Ohne Infrastruktur funktioniert keine Wirtschaft. Straßen, Schienen und Stromnetze bringen auch ein Portfolio zum Laufen. Als Langfrist-Investment
versprechen sie stabile Erträge – künftig in einer eigenen Anlageklasse. Anleger brauchen jedoch gute Nerven.
Mehr als 114.300 Autos und Lastwagen fahren jeden Tag über die beiden Brücken, die die portugiesische Hauptstadt Lissabon mit ihren südlichen
Vororten verbinden. Jeder Autofahrer, der den Fluss Tejo auf der Brücke des 25. April Richtung Stadt überquert, zahlt 1,25 Euro. Bei der zur
Weltausstellung Expo 1998 eröffneten Vasco-da-Gama-Brücke sind es 2,20 Euro. Die Maut bekommt nicht der portugiesische Staat, sondern die
Betreibergesellschaft Lusoponte. Fließt der Verkehr, fließen auch die Einnahmen. Bis 2030 läuft die Konzession. Gut 30 Prozent an Lusoponte hält die
australische Beteiligungsgesellschaft Macquarie Infrastructure Group. Die Gesellschaft funktioniert wie ein Private-Equity-Fonds, und die Beteiligung ist
ein klassisches Beispiel für ein Infrastruktur-Investment der australischen Investmentbank. Macquarie zählt zu den Branchengrößen und hat als eine der
ersten auf die Anlageklasse Infrastruktur gesetzt. Heute halten die Australier über 30 Fonds Beteiligungen an Brücken, Straßen, Stromriesen,
Telekomnetzwerken, Wasserversorgern, Radiostationen und vielem mehr auf der ganzen Welt. Neben Fonds mit Beteiligungen an unterschiedlichen
Infrastuktureinrichtungen gibt es auch spezialisierte Produkte wie einen reinen Flughafenfonds. Institutionelle Investoren haben den Charme derartiger
Investments längst entdeckt. Gerade auf langfristige Erträge angewiesene Pensionskassen und Versicherungen profitieren von einigen Besonderheiten der
Branche.
Für die Stetigkeit der Erträge gibt es einen entscheidenden Grund: Betreiber klassischer Infrastruktureinrichtungen wie Brücken, Straßen und Schienen
haben häufig eine Monopolstellung. Um etwa über den Tejo nach Lissabon zu kommen, müssen Autofahrer eine der beiden Brücken nutzen, an denen
Macquarie beteiligt ist. Selbst wenn die Preise für die Überfahrt steigen, haben sie keine echte Alternative. Die nächste Brücke über den Tejo befindet sich
rund 30 Kilometer flussaufwärts – macht einen Umweg von 60 Kilometern oder einer Dreiviertelstunde. Das wird bis auf Weiteres so bleiben: Eine
Konkurrenzbrücke wird angesichts immenser Baukosten und regulatorischer Barrieren kaum gebaut werden. Im Fall von Lusoponte ist gar vertraglich
geregelt, dass in einem bestimmten Radius nur die Gesellschaft selbst eine weitere Brücke bauen dürfte.
Drei Charakteristika sind für das Profil von Infrastruktur als Anlageklasse ausschlaggebend: eine lange Lebensdauer, die schiere Größe – oft sind die
Einrichtungen über eine Milliarde Dollar wert – und die konstante Nachfrage. Das zusammen macht die Betreiber von Brücken, Tunneln und Autobahnen
weitgehend unabhängig von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung. In ganz ähnlicher Stellung sind die Betreiber von Strom-, Wasser oder
Telekommunikationsnetzen: Zu den wenigsten gibt es Alternativen; sie zu bauen ergibt wegen der immensen Kosten meist nur dort Sinn, wo es noch kein
zuverlässiges Netz gibt.
Besonders attraktiv sind daher in den Augen vieler Experten Infrastrukturinvestments in wachstumsstarken
Schwellenländern. Länder wie China, Thailand,
Indien, Brasilien und Argentinien können ihr Wachstumstempo nur beibehalten, wenn die Infrastruktur mithält. In den schnell wachsenden Metropolen
müssen Wasser- und Stromleitungen verlegt, Verkehrs- und Telekommunikationsnetze ausgebaut und Müllberge entsorgt werden. Rund vier Billionen
Dollar, schätzt die Weltbank, werden in den kommenden fünf Jahren in Infrastrukturprojekte fließen. Das bedeutet etwa eine Verdoppelung gegenüber den
vergangenen fünf Jahren. Immer mehr Geld stammt dabei von privaten Investoren. Doch auch in den Industrienationen wachsen die
Beteiligungsmöglichkeiten. Bis vor einigen Jahren galten Bau und Betrieb von Infrastruktureinrichtungen als Aufgabe des Staates. Angesichts leerer Kassen
überträgt der Staat diese Aufgabe aber zunehmend an die Privatwirtschaft. Häufig geschieht dies über Public Private Partnerships (PPP). Sie sichern den
privaten Erbauern und Betreibern von Straßen, Brücken und Tunneln gegen bestimmte Auflagen langjährige Nutzungsrechte: Autofahrer zahlen die Maut
nicht an den Staat, sondern an eine private Gesellschaft und damit immer häufiger indirekt an Anleger.
Direkt davon profitieren können bislang freilich nur institutionelle Anleger, für die die Investmentbanken eigene Infrastruktur-Abteilungen eingerichtet
und bereits viele Fonds aufgelegt haben. Künftig sollen auch Privatanleger in den Genuss stabiler Renditen aus Infrastruktureinrichtungen kommen: Geht
es nach dem Willen des Gesetzgebers, wird dafür eigens eine neue Fondskategorie geschaffen. Der Entwurf zur Novelle des Investmentgesetzes sieht vor,
dass die geplanten Fonds sich vor allem an PPP beteiligen. Sie dürfen nach den derzeitigen Plänen allerdings nur in bereits bestehende Einrichtungen
investieren, nicht in den Bau neuer Projekte. Um dem Langfrist-Charakter von Infrastruktur-Investments gerecht zu werden, weisen sie eine weitere
Besonderheit auf: Mindestens einmal, höchstens zweimal pro Jahr kann ein Anleger seine Anteile zurückgeben, wenn er dies mindestens drei Monate
zuvor ankündigt.
Neben Fonds, die ausschließlich für institutionelle Anleger konzipiert sind, verwaltet Macquarie auch ein ganzes Bündel von börsennotierten Infrastrukturfonds; sie funktionieren ähnlich wie börsennotierte Immobiliengesellschaften oder Real Estate Investment Trusts (Reits). So wenig wie Reits allerdings als reine Immobilieninvestments gelten können, sind börsennotierte Infrastrukturunternehmen eine direkte Wette auf Mauteinnahmen oder Profite aus anderen Infrastrukturprojekten: Gerade weil sie an der Börse notieren, sind sie nicht unabhängig von der Entwicklung der Aktienmärkte. Obwohl sie daher weit entfernt sind, einer inflationsgeschützten Anleihe zu gleichen, sind Infrastrukturunternehmen eine Möglichkeit, sich der Anlageklasse zu nähern. Jedenfalls, so lange es keine anderen Beteiligungsmöglichkeiten für Privatanleger gibt.